Am 21.08.2019 ist Professor Dr. Jürgen Zimmer im Alter von 81 Jahren an einem seiner wichtigsten Wirkungsorte der letzten Jahre in Chiang Mai, Thailand, einem Schlaganfall erlegen. Sein Tod hat uns alle sehr geschockt. Er wurde am 28.08.2019 dort im Beisein seiner Familie, seiner Frau Birzana, seiner Kindern und seiner selbstgewählten erweiterten Familie, den Kindern und Erwachsenen der von ihm gegründeten School for Life beigesetzt.

Jürgen Zimmer war eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit einer sehr bewegten Biografie.

Nach seinem Studium der Psychologie war er in den 1960er Jahren zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung bei den leitenden Professoren Hellmut Becker und Shaul B. Robinsohn. Hier entwickelte er mit ihnen Theorien einer Curriculumentwicklung für Bildungsinstitutionen, die Bildung als kreatives und produktives Lernen für die Lösung realer Lebensfragen verstand. Statt Bildung allein als reproduktive Aneignung von in der erwachsenen akademisch gebildeten Generation vorhandenem Wissen zu verstehen, setzte er auf die innovative Kraft der nachwachsenden Generationen. Ein Paradigmenwechsel in der Bildungsforschung! Kinder und Jugendliche und auch ihre Eltern und Nachbarn wurden in dieser Sicht zu Subjekten ihrer eigenen Bildungsbiographien – nicht Objekte, denen das ‚richtige‘ Wissen von akademisch anerkannten Autoritäten vermittelt werden muss. Die kritischen Theorien der Frankfurter Schule – Adorno und Horkheimer – zur Aufarbeitung des deutschen Faschismus und die Befreiungspädagogik des brasilianischen Pädagogen und Philosophen Paulo Freire – mit seiner Alphabetisierungskampagne für unterdrückte Landarbeiter*innen – waren wesentliche und antreibende geistige und politische Triebfedern für diesen Paradigmenwechsel.

Ein Lehrer, Georg Picht, hatte bereits 1964 dem deutschen Bildungssystem die Bildungskatastrophe attestiert. Nach wenigen Jahren der Schockstarre bewegte sich die Politik und berief 1966 den Deutschen Bildungsrat, dem Vertreter*innen aus Politik, Administration und Wissenschaft angehörten, unter Ihnen auch Jürgen Zimmer als Experte für den Elementarbereich. Dieser Bildungsrat kam u.a. zu dem Schluss, dass die frühe Bildung von ausschlaggebender Bedeutung für Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen sei. Der Kindergarten geriet in den bildungspolitischen Fokus und wurde zu einem mit vielen Hoffnungen und Erwartungen behafteten Reformfeld.

Jürgen Zimmer ergriff die Chance, um seine Ideen einer subjekt- und lebensweltorientierten Curriculumentwicklung auf diesen Bildungssektor anzuwenden. 1971 übernahm er die Leitung der neu gegründeten Arbeitsgruppe Vorschulerziehung im Deutschen Jugendinstitut (DJI).

Er und die Mitarbeiter*innen der AG Vorschulerziehung im DJI wurden so erfolgreiche und wegweisende Initiator*innen für eine grundlegende Innovation im Feld der frühkindlichen Erziehung Bildung und Betreuung, die bis heute wirken. Kinder und ihre Familien und auch ihre erweiterten Bezugsgruppen als Subjekte und aktive Gestalter*innen ihrer Lebenswelten anzuerkennen, war dabei leitendes Prinzip. Dass heute in dem in den 1980er und 1990er Jahren lang verhandelten Kinder- und Jugendhilfegesetz, SGB VIII, die Prinzipien der Lebensweltorientierung, der Partizipation, der Integration und die Verantwortung der Politik zur Förderung einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt definiert sind, ist nicht zuletzt Ergebnis dieses Engagements.

In den 1980er Jahren verlagerte Jürgen Zimmer sein Wirken auf die internationale Arbeit. 1980 wurde er von der Freien Universität Berlin auf einen Lehrstuhl für interkulturelle Erziehung berufen. Dies eröffnete ihm Möglichkeiten, Studienreisen mit Studierenden in andere Länder durchzuführen – zunächst führten diese in die Türkei als einem der wichtigsten Zuwandererländer in Deutschland. Daraus entstanden Konzepte und praxisorientierte Materialien für die Arbeit in Kitas und Schulen in Deutschland. Bald wurde Deutschland für Jürgen Zimmer zu langweilig. Es zog ihn nach Nicaragua, einem Land, das sich zu dieser Zeit von einer Diktatur zu befreien versuchte. Er war hier Initiator von bildungspolitischen Netzwerken und Politikberater. Hier erkannte er auch im besonderen Maße, dass Bildung immer auch eine Frage des Community Development ist. 1983 wurde er zunächst Vizepräsident, später Präsident der International Community Education Association (ICEA) und engagierte sich maßgeblich im Aufbau von Community Schools and Centres in Deutschland und international.

Jürgen Zimmer war seit Mitte der 1990er Jahre Initiator und maßgeblicher Gestalter im Aufbau und der Weiterentwicklung der Internationalen Akademie Berlin für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA gGmbH). Seine Vision bei der Gründung der INA war, die in einer eher nach Disziplinen versäulten Forschung und Lehre einer Universität, eine Forschungs-, Ausbildungs- und Praxisentwicklungsorganisation zu gründen, die dazu beiträgt, globalen Themen und Herausforderungen mit innovativen Konzepten zu begegnen. Er hat so maßgeblich Möglichkeiten geschaffen, dass Menschen zusammen wirken konnten, die Visionen zur Entwicklung eines demokratischen Bildungssystems teilten und die in den universitären Strukturen dafür keinen Ort gefunden hätten. Er war seit Gründung der Internationalen Akademie 1996 ihr Präsident bis 2017.

In den 2000er Jahren verlagerte er seine aktiven Tätigkeiten zunehmend nach Thailand und gründete dort die erste School for Life – eine Schule, die Kindern und Jugendlichen, die in Thailand keinen oder kaum Zugang zu Bildung hatten, neue Möglichkeiten eröffnete, sich zu bilden und an der Entwicklung ihrer Gesellschaften aktiv mitzuwirken.

Jürgen Zimmer hat sicher allen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, sehr viele inspirierende Impulse gegeben und immer wieder auch Irritationen hervorgerufen. Ihn zeichnet aus, dass er keinerlei Scheu hatte, aktiv auf Menschen zuzugehen, die aus ihm und seiner gewachsenen Gemeinschaft unbekannten Milieus stammen. Er hat so Menschen zusammengebracht, die sich ohne ihn nie begegnet wären. Das hat uns, die wir daran teilhatten, wertvolle neue Erfahrungen eröffnet. Es hat auch Differenzen sichtbar gemacht, die nicht immer überbrückbar waren, jedoch wichtig waren, um Positionen zu klären.

Jürgen Zimmer war ein Mensch mit großen Visionen. Sie klein zu arbeiten in machbare Schritte unter den je gegebenen Umständen, war nicht so seine Sache. Es ist ihm meist gelungen, dafür Menschen zu gewinnen, die die Mühen dieser Ebenen für ihn übernommen haben.

Mit Sicherheit haben Jürgen Zimmer und alle seine vielen Mitwirkenden, Generationen von Studierenden, Kolleg*innen in Projekten und Programmen, Politiker*innen, die seinen und den Rat seiner Mitwirkenden eingeholt haben, mit ihm streitende Kolleg*innen aus der akademischen Welt einen enormen Einfluss auf die Entwicklung einer demokratischen Bildungslandschaft gehabt. Insbesondere gilt dies für die vielfältigen Aktivitäten des Instituts für den Situationsansatz in der INA und vor allem auch für die vielen Kitas, die den von Jürgen Zimmer mitbegründeten Situationsansatz in ihrer Praxis geschärft und weiterentwickelt haben.

Dies alles wird über seinen Tod hinaus weiterleben und wirken.

Jürgen Zimmer hinterlässt seine Frau Birzana, fünf Kinder und Enkel*innen.

 

Wir trauern mit ihnen.

Dr. Christa Preissing, Präsidentin der Internationalen Akademie Berlin (INA gGmbH), Dr. Doris Klappenbach, Katrin Macha und Matthias Kracht (Vizepräsident*innen), Monika Lentz (Geschäftsführer*in), die Gesellschafter*innen und Mitarbeiter*innen der INA gGmbH

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